(Erscheint am 23.07.2026)
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Hinnerk grummelte. »Elisa konzentriert sich darauf, dass alles in ihrem Leben rund läuft. Doch das Leben ist nicht rund und die Liebe schon gar nicht. Oder Männer?« Seine Freunde stimmten ihm zu. »Liebe hat Ecken, Kanten und Dellen«, fuhr er fort. »Liebe ist kompliziert. Wie das Meer. Ungestüm und unbezwingbar. Der Mensch versucht, ihr Einhalt zu gebieten, Grenzen zu setzen, baut emotionale Deiche. Doch wenn Sturm aufkommt, hält nichts die Liebe auf. Sie geht ihren Weg.« Er zeigte auf ihn. »Sie hat dich schließlich auch in die Seesternbucht geführt.«
Seit ihrer Kindheit lebt Elisa in der wunderschönen Seesternbucht, einem
malerischen Kurort an der Ostsee. Mit Leidenschaft führt sie die dortige Strandbar Riff und kümmert sich liebevoll um ihre sechzehnjährige Tochter sowie die beiden Hunde.
Chaos hält sie aus ihrem Alltag, so gut es geht, fern. Eines Morgens stolpert Chris jedoch in ihr Leben, verschlossen, verwahrlost und mit einer Vergangenheit, bei der Elisa über sich
hinauswachsen muss. Denn manchmal erscheint die Liebe in den seltsamsten Momenten.
Komm mit in die Seesternbucht und verliebe
dich!
Hinweis: Alle Bände aus der Seesternbucht-Reihe sind in sich abgeschlossen und unabhängig voneinander lesbar.
Leseprobe
Kapitel 1
Sonnencreme, Ostsee, feinster Sandstrand und Freiheit. Elisa erinnerte sich gut an das, was für sie mit sechzehn Jahren wichtig gewesen war. Wind in den Haaren, bis zum Sonnenaufgang an der Düne liegen und sich mit Freunden unterhalten. Damals schien das Leben endlos, leicht und intensiv. Alles war möglich gewesen.
Bis sie festgestellt hatte, dass sie schwanger war.
Ein Schmunzeln entwich ihr. Nicht gerade ein Zeitpunkt, an den sie gern zurückdachte, aber ihre Tochter war dahin gehend schlauer als sie.
Zumindest hoffte sie das.
Elisa schreckte die gekochten Eier mit kaltem Wasser ab und bereitete die Salatblätter für die Brötchen vor. Sie prüfte den Aufschnitt und die Mettwurst samt den Zwiebelstücken, mit denen sie gleich Jans Backwaren belegen wollte. Sie holte die Servierplatten aus der Geschirrspülmaschine und legte die Frischhaltefolie bereit.
»Warum hast du mich nicht geweckt?«
Merles Vorwurf schallte die Treppenstufen hinunter in die Küche.
»Hab’s probiert«, erinnerte sie ihre Tochter. Gleich nachdem sie selbst aufgestanden war, hatte sie an Merles Tür geklopft und ihr Bescheid gegeben.
Im ersten Stock flog die Badezimmertür zu und Elisa widmete sich der Gulaschsuppe. Sie blubberte in zwei der größten Töpfe, die sie in der Küche des Riffs gefunden hatte.
Ein leicht rauchiges Aroma erfüllte den Raum, gepaart mit dem süßen Duft von Zwiebeln, den erdig-würzigen Noten von Paprika, Majoran und Kümmel und dem Geruch der fruchtigen Tomate. Auf Knoblauch hatte sie verzichtet, damit ihre Mutter sich heute in der Mittagspause nicht beschwerte.
Was noch fehlte, waren frische Kräuter aus dem Garten.
Sie nahm einen Schluck ihres Kaffees und öffnete das Fenster. Goldene Sonnenstrahlen schmückten den grauen Himmel. Die warme Morgenluft versprach einen weiteren schönen Tag in der Seesternbucht.
Barfuß schlenderte Elisa durch ihr kleines Holzhaus, steckte die Schere in die breite Tasche ihrer Bistroschürze und blieb an der Treppe stehen, als Merle aus dem Bad in ihr Zimmer im ersten Stock stürmte.
»Ich geh Kräuter holen und danach zu Jan. Welche Brötchen möchtest du?«
»Körner.«
Es rumpelte im Zimmer ihrer Tochter, als schlüge diese Schrank- und Kommodentüren zu.
»Sonnenblumenkerne, Kürbiskerne oder die mit Mohn?«
Dasselbe Gespräch führten sie jeden Morgen seit Merles mittlerem Schulabschluss.
»Mir egal.«
Egal war etwas, das seither als Antwort folgte.
»Wie du meinst.« Elisa seufzte. »Passt du bitte kurz auf den Herd auf?«
Trampeln ertönte, ihre Tochter fluchte.
»Merle? Hast du mich gehört?«
»Jaja, bin nicht taub.«
»Gut. Wollte bloß sichergehen. Bist nicht mehr die Jüngste.«
»Haha.«
»Bis gleich, Süße.«
»Warte mal, Mama!«
Merle rannte zum Treppenabsatz, das Handy in einer Hand. Ihr blaues Trägertop mit Spitze war auf links gedreht, die Knöpfe ihrer Jeansshorts standen offen. Die rotbraunen Haare wallten über ihre Schultern und ähnelten eher einem Krautsalat als einer ordentlichen Frisur. In ihren blauen Augen tanzte die Vorfreude, die Lust auf die Ostsee, den Wind und die Wellen. Sie hob die Mundwinkel und verlieh ihrem breiten Gesicht noch mehr Wärme.
Sie ähnelte Timo so sehr, dass Elisa ein Stich durch den Brustkorb rauschte. Wacker hielt sie ihre entspannte Miene aufrecht.
»Jonna, Mats und ich wollen nach dem Strand ins Kino«, erklärte Merle mit Blick auf ihr Display. »Nadja zeigt Gefährliche Brandung. Bin zum Abendessen nicht da.« Sie scrollte auf dem Handy, als hätte sie alles um sich herum längst vergessen.
Genau wie ihr Vater, ging es Elisa durch den Kopf. Diesen Gedanken behielt sie für sich. Stattdessen sagte sie: »Süße, sieh mich an, wenn du mit mir redest.«
»Geht nicht.« Schnaubend hob sie den Kopf. »Beantworte gerade Fragen.«
Elisa unterdrückte den Protest, der ihr auf den Lippen lag. Es brachte nichts, deswegen wieder mit ihrer Tochter zu streiten. »Wir wollten uns heute Abend über eine Ausbildungsstelle unterhalten, du hast es versprochen. Das ist wichtig. Dir rennt die Zeit davon.«
»Mist, jetzt muss ich von vorn anfangen.« Mit gerümpfter Nase steckte Merle das Handy in die Gesäßtasche. Sie stützte sich am Geländer ab. »Es geht um Gefährliche Brandung, Mama. Beschwer dich bei Nadja. Was kann ich dafür, wenn sie gerade heute Abend meinen Lieblingsfilm spielt? Den darf ich nicht verpassen.«
Elisa schloss kurz die Augen, atmete durch. Sie wollte dieses Gespräch nicht zwischen Tür und Angel führen. »Wir besprechen das, wenn ich zurück bin. Achte bitte auf die Suppe.«
»Keine Zeit.« Merle rannte in ihr Zimmer und schlug die Tür zu.
»Hey! Was ist mit der Suppe? Ich brauche deine Hilfe!«
Elisa horchte in den ersten Stock, der Holzfußboden ihrer Tochter knarrte. Sie verweilte noch wenige Sekunden an der Treppe, dann schlenderte sie durch den langen Flur, vorbei am Wohnzimmer und dem Hauswirtschaftsraum.
Auf ihre Tochter war Verlass, rief sie sich ins Gedächtnis. Auch wenn es in manchen Momenten nicht danach aussah.
Sie nahm das längliche Portemonnaie aus dem Riff von der Kommode und ihre Schlüssel. Beides verstaute sie in der breiten Tasche ihrer Bistroschürze, als Orkan und Loop auf sie zuliefen. Sie streichelte dem zehn Jahre alten Havaneser und der dreijährigen Rottweilerdame über den Rücken.
»Wollt ihr mit zu Jan kommen?«
Aufgeregtes Bellen folgte. Elisa öffnete die Tür zur Veranda und entließ Merles Hunde in den Garten. Sie jagten einander gleich über das großzügig geschnittene Grundstück.
Die frische Morgenluft wehte Elisa durch das karamellbraune Haar, umspielte ihre nackten Beine und krabbelte bis zu ihren Shorts unter der Schürze, in die sie ihr luftiges T-Shirt gesteckt hatte.
Feuchtes Gras kühlte ihre Fußsohlen, als sie mit dem Kaffeebecher um das Haus ging und durch den Kräutergarten schlenderte. Sie hatte alles im Angebot, was sie für das Riff benötigte. Rosmarin, Basilikum, Schnittlauch, Salbei, Zitronenmelisse sowie Dill wuchsen in ebenerdigen Beeten und bewucherten seit Jahren ihren von Linden und Tannen umzäunten Garten. Selbst glatte und krause Petersilie gab es. Beide hatten zu Ralfs Lieblingskräutern gehört, seit er in der Strandbar als Koch angefangen hatte.
Einen Augenblick hielt Elisa an der Eiche neben dem Gartenhäuschen inne, lehnte sich an den dicken Baumstamm und genoss, wie Möwen über ihr kreischend den Sonnenaufgang begrüßten.
Ein kleines Ritual, das ihr seit Ralfs Umzug Halt und Ruhe gab, um wenigstens morgens ein paar Minuten daran zu denken, was sie trotz des derzeitigen Durcheinanders für ein schönes Leben führte.
Orkan warf sich nicht weit entfernt in den Schatten. Loop erkundete die Gegend, als hätte sie die Spur eines Kaninchens aufgenommen.
Der Krabbenweg schien wie ausgestorben, obwohl Elisa wusste, dass sie nicht die Einzige war, die zu dieser frühen Stunde längst auf den Beinen war. Dennoch schafften es ihre Nachbarn und sie irgendwie, sich mucksmäuschenstill zu verhalten.
Sie trank einen Schluck Kaffee, während sie langsam an den Kräutern vorbeiging, die sie auf dem Rückweg von Jan einsammeln würde.
Offiziell hatte er noch geschlossen. Seine Lieblingskunden durften jedoch früher warme Brötchen kaufen, ehe die Touristen seine Bäckerei überschwemmten und die Schlange bis über die Promenade an den Strand reichte.
Mit einer Hand glitt Elisa an der Fassade ihres Gartenhäuschens entlang, als Loop neben ihr leise knurrte. Wie erstarrt blieb die Rottweilerhündin stehen, den schwarz-braunen Körper angespannt wie ein Greifvogel vor dem Sturzflug.
Vermutlich hatte sich der blutjunge, rostrote Kater der Garcías erneut auf das Grundstück geschlichen, um Mäuse zu jagen, die unter dem Häuschen Gänge gruben.
Elisa strich Loop über den Kopf. Ihr kurzes, dichtes Fell hatte sich von der Morgensonne bereits aufgewärmt. »Sitz!«, befahl sie ihr im Flüsterton. Die Hündin reagierte sofort und wartete auf das nächste Kommando.
Damit sie dem Kater nicht wieder einen Schrecken einjagte, lief Elisa auf Zehenspitzen um das Gartenhäuschen herum.
Mitten im Gehen erstarrte sie.
[...]