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Niemand entkommt seiner Vergangenheit. Bestsellerautor Benno Struck kehrt nach zehn Jahren auf seine Heimatinsel Fehmarn zurück, um seinen Vater zu beerdigen. Sein Plan ist, die Trauerfeier rasch hinter sich zu bringen und nach Berlin zurückzukehren. Doch Gerüchte über den Tod des Verstorbenen wecken seine Neugierde. Und schneller als ihm lieb ist, ermittelt er mit dem ortsansässigen Mordclub Doot is doot in einem Mordfall.
Karl Heinz Struck - langjähriger Polizeihauptkommissar von Fehmarn und erst vor Kurzem in Rente gegangen - stürzt bei Schietwedder von der Steilküste in den Tod.
Nur widerwillig kehrt Bestsellerautor Benno Struck nach zehn Jahren auf seine Heimatinsel zurück, um seinen Vater zu beerdigen. Er will das Nötigste mit seinem Bruder regeln, die Trauerfeier hinter sich bringen und rasch zurück nach Berlin fahren, um an seinem Manuskript zu arbeiten.
Doch je länger er in Altjellingsdorf verweilt und je tiefer er in die Dorfgemeinschaft seiner Kindheit eintaucht und dabei seine große Liebe wieder trifft, desto mehr kommen ihm Zweifel daran, dass Starrkopp und Klookschieter Karl Heinz Struck durch simples Schietwedder von der Steilküste gestürzt sein soll. Ehe er sich versieht, ermittelt er mit dem Mordclub Doot is doot in dem merkwürdigen Fall.
Kälte kroch Karl unter die Jacke. Der Wind blies ihm seine Kraft ins müde Gesicht, Regentropfen perlten von seinem Bart auf den Sandstrand. Schietwedder.
Dem Nieselregen trotzend, korrigierte Karl den Sitz seiner Stirnlampe, die er um seine dunkelblaue Wollmütze geschnallt hatte. Heute Nacht ließ er sich von nichts ablenken.
Aufs Smartphone konzentriert, setzte er einen Fuß vor den anderen. Der feuchte Sand klebte an seinen Stiefeln. Seit mehreren Minuten suchte er nach den richtigen Worten. Jedes Mal, wenn er zu tippen begann, verharrte er mit dem Zeigefinger kurz danach auf dem Display, als wäre ihm das Alphabet entfallen.
Es tut mir leid. Vier kleine Worte, die sich vehement weigerten, in einer Nachricht verschickt zu werden.
Frustriert schaute er auf die Wellen. Gischtbeladen drängten sie ans Ufer, dunkel, mächtig. Ein Anblick, der ihm stets Ruhe schenkte. Sein Leben konnte noch so durcheinander sein, auf die Ostsee war Verlass. Wenn er nur einen Blick auf sie warf, beruhigten sich seine aufgewühlten Nerven. Ganz gleich, ob die See friedlich an den Strand schwappte oder wie heute vor der Steilküste von Katharinenhof wütete.
Die Ostsee nahm, was sie wollte.
Ein Knurren riss Karl aus den Gedanken. Mit der Stirnlampe leuchtete er in die Ferne. Hinter einem Felsbrocken wedelte sein Schäferhund bellend mit dem Schwanz.
»Was ist, Knut? Hast du etwas entdeckt?«
Karl quälte sich an den dicken Ästen eines Baumes vorbei, der quer über dem Strand lag. Das letzte Hochwasser hatte der Steilküste gehörig zugesetzt. Jedes Mal, wenn die Ostsee tobte, fraß sie ein Stückchen mehr von der Insel.
Als er Polizeihauptkommissar gewesen war, hatte eine Vielzahl von Bäumen die Steilküste gesäumt. Inzwischen lagen einige verstreut auf dem Boden und teilten den Strand von Katharinenhof in einzelne Abschnitte.
Knut bellte abermals. Schwanzwedelnd fixierte der Schäferhund sein Ziel. Karl steckte das Smartphone in die Jackentasche und umrundete die kleine Felsenansammlung. Hinter dem größten Brocken entdeckte er eine tote Möwe. Mit ausgestreckten Flügeln lag sie platt gedrückt im Sand.
»Braver, Junge.« Es kam nicht oft vor, aber manchmal fanden sie tote Tiere am Strand. Dieser Vogel lag bereits Tage dort, so, wie sein Gefieder gerupft war.
Karl kniete sich zu seinem Schäferhund und gab ihm einen Hundeknochen zur Belohnung aus der Jackentasche. Mit Blick auf den bewölkten Nachthimmel fuhr er ihm mit der anderen Hand durch das dichte Fell. Irgendwo lauerte der Mond, bekam heute jedoch keine Chance. Der Herbst hatte die Insel fest im Griff. Seit Tagen kämpften Regen und Wolken um die Vorherrschaft, trotzdem ließ er es sich nicht nehmen, nachts mit Knut spazieren zu gehen. Frische Luft klärte verworrene Gedanken am besten.
In wenigen Wochen war Weihnachten. Dann jährte sich erneut einer der schlimmsten Tage seines Lebens. Doch dieses Jahr würde der Heiligabend anders werden. Dieses Jahr schaffte er es, seinem Sohn zu schreiben.
Gestern hatte er Benno angerufen, ihn allerdings nicht erreicht. Ein kleiner Teil von ihm biss sich an dem Gedanken fest, dass sein Sohn verhindert gewesen war und es nicht geschafft hatte, ihn zurückzurufen.
In Berlin verlief die Zeit anders als auf Fehmarn.
Karl kam ein Gedanke: ein weiterer Anruf. Er sollte es versuchen. Eine Nachricht nach zehn Jahren glich einem feuchten Händedruck, nicht mehr als einem müden Klopfer auf die Schulter. Ein Anruf dagegen zeugte von Selbstsicherheit, Respekt und Wertschätzung.
Wenn er erst Bennos Stimme hörte, fielen ihm auch all die Worte ein, die er sagen wollte.
Karl warf einen Blick zum dunklen Steilufer. Der Wind fegte durch die Baumwipfel, als hegte er den Wunsch, sie niederzuringen. Das Rauschen der See mischte sich mit dem Geräusch von tausend Zweigen, die miteinander rangelten.
»Lass uns nach oben gehen.« Auf der Steilküste gab es besseren Empfang, nichts sollte sein Gespräch mit seinem Sohn unterbrechen. Am Strand tat sein Netzanbieter ständig, als befände er sich in Dänemark.
Mit Knut an der Seite erklomm Karl den vorgegebenen Weg zwischen platt getretenem Grün und schmalen Baumstämmen. Bei jedem Schritt taten seine Knie weh. Seit er in Rente war, hatte das Ziepen sich intensiviert, dennoch hörte er mit seinen Spaziergängen nicht auf.
Stillstand war der Tod.
Um Karl herum knackste, zischte und rauschte es. Wohlbekannte Geräusche, die ihn durchatmen ließen. Nachts allein am Strand gehörte die Insel ihm.
Auf der Steilküste angekommen bog er auf den Sandweg ein. Der schmale Schein seiner Stirnlampe durchbrach die nachtschwarze Umgebung. Rechts von ihm ragte das abgeerntete Maisfeld auf, links ein kaum durchdringbares Dickicht, in dem sich allerlei Getier vor Spaziergängern verbarg.
Karl zückte sein Smartphone. Jetzt oder nie. Gestern hatte er es bereits geschafft, ein weiteres Mal war eine Kleinigkeit.
Mit angehaltenem Atem entsperrte er das Display, als Knut an ihm vorbei ins Gebüsch hetzte. »Was ist?« Karl folgte ihm auf dem schmalen Pfad, der ihn durch dorniges Geäst zum Ufer führte. Nebenbei suchte er nach der Telefonnummer seines Sohnes und wählte.
Wie gebannt hielt er das Smartphone ans Ohr, sein Herzschlag beschleunigte sich. »Knut?«, rief er in den Wind.
Sein Schäferhund reagierte nicht.
»Bei Fuß. Komm her!«
Karl drehte sich im Kreis. Büsche und Bäume versperrten seine Sicht. Neben ihm schreckte eine Krähe hoch, flatterte wild mit den Flügeln und verschwand.
»Knut! Bei Fuß!«
Er horchte in die Nacht – nichts. Kein Bellen oder Knurren, bloß das Rauschen des Windes und die wütende See.
Am anderen Ende des Telefons klingelte es. Er wandte sich ab, sammelte seine Konzentration und trat ein Stück näher an den Rand der Steilküste. Gerade so nah, dass er problemlos mit dem Strahl seiner Stirnlampe auf den Sand unter ihm schauen konnte.
Was sollte er zur Begrüßung sagen? Moin? Kennst du mich noch? Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag? Es tut mir leid?
Nach der richtigen Antwort suchend, sah er auf die tiefdunkle Ostsee. Ein zarter Mondschein drängte sich durch die Wolkendecke wie das Licht eines Leuchtturms, das seinem orientierungslosen Schiff den richtigen Weg in den sicheren Hafen wies.
Es war egal, welches Wort er zuerst sagte. Wichtig war, dass er diesen Schritt tat, ihn endlich anrief.
Das Klingeln versiegte. Stille trat am anderen Ende ein. »Struck.«
Karl zuckte bei dem energischen Tonfall seines Sohnes zusammen. »B-Benno?« Er räusperte sich. In seiner Kehle wuchs ein Kloß groß wie ein Fels. Gleichzeitig hätte er die Welt umarmen können. Sein Sohn war ans Telefon gegangen, nun wurde alles gut.
»Wer ist da?«
Karl stutzte. Erkannte Benno seine Stimme nicht? »Ich bin’s, dein Vater. Ich wollte …«
Mitten im Satz brach er ab. Etwas war anders. Seine Umgebung hatte sich verändert. Er war nicht mehr allein.
Erschrocken fuhr er herum und blickte in garstige Augen.
»Du?«