Die Geschichte um Mattis & seine Wilden geht weiter...

... mit dem 2. Band "DER MÖWEN VON FEHMARN"

Es folgt eine kleine Leseprobe für den 2. Band, der im April 2023 erscheint.

Viel Vergnügen!


Leseprobe

~Mattis~

IN GUTEN WIE IN SCHLECHTEN ZEITEN

- Appartementhaus Strandburg. Südstrand -

 

Der Strandläufer schrie, als ginge es um Leben und Tod. Seine Finger krallten sich in das orange-weiße Papier der Brötchentüte, mit der freien Hand schlug der Mann nach Pit und Fiete. Die beiden Möwen attackierten ihn gleichzeitig von zwei Seiten, flatterten wild mit den Flügeln, während sie ihn wie Wirbelwinde umkreisten und taktisch verwirrten.

Mattis hockte hinter einem Hagebuttenstrauch auf der Düne, die an die Promenade grenzte. Er wusste, dass das Doppelte Lottchen stets zum Ziel führte. Die frischen, weichen Brötchen würden gleich den Wilden gehören, trotzdem bangte er um die Unversehrtheit seiner Freunde.

Je länger Mattis das Mensch ärgere dich vor dem Appartementhaus Strandburg verfolgte, desto mehr wuchs sein Mitleid mit dem Strandläufer; die Wangen puterrot, der zornige Mund empört aufgerissen, Spucke flog in weitem Bogen daraus hervor. Er war Pit und Fiete restlos ausgeliefert. Sie hatten das Doppelte Lottchen vom alten Jupp derart perfektioniert, dass die Hand des Mannes immer in die Luft griff anstatt ihre Federn und Schnäbel zu packen. Diese Mittagsbrötchen der Bäckerei Börke würden seine Familie nicht mehr erreichen.

Für eine bessere Sicht auf die Promenade schob Mattis einen dornigen Zweig aus dem Weg. Ein paar Schwalben, sie trugen elegante Gefieder, als würden sie auf einen Ball gehen wollen, hüpften auf den Geländern der Balkone herum. Das Schauspiel vor ihnen würdigten sie mit lautem Gepfeife. Ihnen gegenüber auf der Silberlinde saß Berti wie ein übermütiger Jungvogel. Seine aufgeschwemmte Leibesmitte wackelte, während er jubelnd die schwarzen Flügel ausbreitete. Seinen hellgelben Schnabel mit rotem Gonysfleck öffnete er ebenso weit wie der Strandläufer den wütenden Mund.

Anders als Berti verfolgte Haui neben der Mantelmöwe das Geschehen, als sähe er einer erbitterten Schlacht zu. Den rötlichbraunen Schnabel zusammengepresst, mit seinem linken (dem guten) Auge verfolgte er Fiete und Pit ähnlich einem Greifvogel kurz vor dem Angriff.

Die Zwergmöwe derart aufgewühlt und grantig zu sehen, versetzte Mattis einen Stich in die gefiederte Brust. So sehr er es sich auch wünschte, er war nicht in der Lage, Hauis schlechte Laune zu ändern.

»Vorsicht, Kleiner!«, krächzte Berti, wobei er aufgeregt mit den Flügeln wedelte. »Pit, mehr nach links. Achtung! Schnapp dir die Tüte! Schnapp dir die verdammte Tüte!«

Gesagt, getan.

Langfeder Pit grub den roten Schnabel in die Brötchentüte, warf den schwarzbraunen Kopf ruckartig zurück, zerrte am Papier und schwang die hellgrauen Flügel, um an Höhe zu gewinnen. Fiete flog dem Strandläufer ins unrasierte Gesicht, das mittlerweile wie eine Straßenlaterne glühte. Mit beiden graubraunen Flügeln schlug er dem Brötchenhalter gekonnt auf die Wangen.

Links, rechts, links, rechts, wieder und wieder.

Mattis biss den Schnabel zusammen, betete zum großen Njörd, dass Fiete nichts geschah.

Wie ein tollwütig gewordener Bär brüllte der Strandläufer, notgedrungen gab er die Tüte frei und schnappte nach der jungen Silbermöwe. Um eine Feder hätte er Fiete beinahe geschnappt. Er entwischte jedoch den gierigen Händen des Mannes und stieg in die Höhe, während Pit die Brötchen kaperte. Nur mit Mühe hielt er die schwere Papiertüte im Schnabel. Je länger Mattis seinem Freund bei dem Brötchentütentanz zusah, desto mehr drohte sein Herz aus dem Gefieder zu springen.

Der Strandläufer packte nach Pit, hatte ihn fast erwischt, da sank die kleine Lachmöwe mit der Beute geschwind in Deckung. Pit setzte auf den warmen Steinen der Promenade auf, nur um sich kraftvoll abzustoßen und davonzufliegen.

Hörbar atmete Mattis auf.

Unversehrt folgte Pit der jungen Silbermöwe über das rote Dach der Strandburg in Richtung Parkplatz, um die Brötchen auf ihrem Schlafast auf der alten Eiche zu deponieren.

Was für ein Schaukampf. Ein Mensch ärgere dich wie Mattis es lange nicht mehr gesehen hatte. Selbst auf der überfüllten Promenade hatte es sich gestaut. Mit ihren Smartphones und gaffenden Blicken standen die Strandläufer beieinander, staunten, lachten, zeigten mit Fingern.

Vor sich hin zeternd stapfte der Beraubte zurück in die Bäckerei. Bei diesem Anblick sackte selbst Berti wie ein Häufchen Federn auf dem Ast zusammen.

»Das war knapp.« Die Mantelmöwe schnaufte, als wäre sie selbst beim Doppelten Lottchen mitgeflogen. »Hast du das gesehen, Haui? Unsere Langfeder und den Kleinen kann niemand aufhalten.«

Was Haui aus dem zusammengebissenen Schnabel hervorstieß, bekam Mattis nicht mit. Es konnte jedoch nichts Gutes sein, so wie Bertis weißes Gesicht sich verfinsterte. Die Mantelmöwe baute sich vor der kleinen Zwergmöwe auf, als gäbe es gleich einen deftigen Zweikampf.

»Wiederhole das, wenn du dich traust!«

Haui schwieg. Ein Schweigen, bei dem Mattis mit jedem Augenblick regelrecht zusammenschrumpfte, denn er ahnte, was in seinem Freund vorging. Auf einmal kam ihm sein Hagebuttenstrauch wie ein stacheliges Gefängnis vor. Äste als Gitter, Dornen für die spitzen Schnäbel der Wärter, die ihn gnadenlos triezten. Ein dunkler, kalter Ort auf der Düne, obwohl die Mittagssonne am wolkenfreien Himmel über ihm brannte.

 

*Fortsetzung folgt*